Information zur Hochstufung des Atomunfalls in Fukushima I auf Stufe 7 der INES-Skala und Ausweitung des Evakuierungsradius um das Kernkraftwerk
Am 12. April hat die japanische Atomaufsichtsbehörde NISA die Einstufung des Unfalls von Stufe 5 auf die höchste Gefahrenstufe 7 erhöht. Begründet wird dies damit, dass die Auswirkungen des Unfalls weitreichender als bisher angenommen seien und sowohl den Erdboden, als auch Trink- und Meerwasser und Lebensmittel beträfen.
Zeitgleich hat die japanische Regierung den Evakuierungsradius von 20 km um das japanische Kernkraftwerk Fukushima I (Dai-ichi) nochmals erweitert. Die Festlegung der 20km-Zone vom 12. März basierte auf der Festlegung eines Grenzwertes von 50 mSv/Jahr.
Der Schutz des Menschen wird nun verstärkt. Seit dem 11. April werden bestimmte Gebiete in einer "Planned Evacuation Area" (festgelegte Evakuierungsgebiete) erfasst, in denen eine Strahlenbelastung von mindestens 20 mSv/Jahr erwartet werden. Diese liegen innerhalb eines 30 km-Radius um das Kernkraftwerk. Es sind jedoch nicht alle Bereiche innerhalb des Radius betroffen. Welche genau evakuiert werden müssen, hängt von den geografischen Gegebenheiten ab. Menschen, die in der 20 bis 30 km umfassenden Evakuierungszone, aber außerhalb der festgelegten Evakuierungsgebiete leben, sollen sich in den Häusern aufhalten bzw. sich zur Evakuierung bereit halten.
Besonders die Hochstufung auf INES 7 - die Stufe, auf die auch der Unfall in Tschernobyl eingeordnet ist - weckt hierzulande weitere Ängste.
Die Informationspolitik seitens der japanischen Regierung, der Aufsichtsbehörde und des Kernkraftwerksbetreibers ist desaströs. Konkrete Informationen sind nach wie vor nur schwer zu bekommen.
Die derzeitige Situation im Kernkraftwerk Fukushima I scheint sich trotz diverser Nachbeben nicht verschlechtert zu haben. Die Nachbeben haben insbesondere keine weiteren schwerwiegenden Schäden oder neue Ursachen für den Austritt von Radioaktivität gesetzt.
Die stärkere Ausweitung des Evakuierungsradius aufgrund der Ereignisse in Fukushima I war vorherzusehen. Vertreter unabhängiger Organisationen hatten bereits vor Wochen darauf hingewiesen, dass außerhalb der 20km-Zone an einzelnen Orten höhere Grenzwerte gemessen wurden. Die US-amerikanische Atomaufsicht kritisierte die zu geringe Evakuierungszone seit dem 17. März; die Internationale Atomenergiebehörde empfahl seit dem 30. März, den Evakuierungsradius auf 40 km auszudehnen. Insofern hätte die Regierung hier eindeutig früher die Konsequenzen ziehen müssen.
Auch die bestehenden Kontamination von Erdboden, Trinkwasser und Nahrungsmitteln (als Begründung für die Hochstufung auf INES 7) hat sich seit den ersten Ereignissen nicht verändert; die Messungen sind jetzt nur veröffentlicht worden.
Die späte Hochstufung ist daher sachlich nicht nachzuvollziehen. Die Ursachen für die Hochstufung sind seit langem bekannt.
Befremdlich ist dieser Umgang auch, da die regionale Kontamination kontinuierlich zurückgeht. Die unmittelbar an den Reaktoren gemessene Strahlung hatte zwischen dem 15. und 17. März 2011 kurzzeitig Werte von bis zu 12 mSv pro Stunde betragen (zum Vergleich: bei einer Computertomographie des Brustkorbs wird man direkt mit 8 mSv bestrahlt). Seit diesen Messungen hat die Strahlung rund um das KKW Fukushima konstant abgenommen und beträgt derzeit 0,58 mSv/h (siehe Übersicht "Gemessene Dosisleistungen" auf der Seite der GRS www.grs.de).
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Rund um das Kernkraftwerk wurde eine Strahlenbelastung mit Jod-131, Cäsium-134 und Cäsium-137 gemessen. In der unmittelbaren Umgebung des Reaktors 3 wurde auch Plutonium im Erdreich gefunden - in Mengen, die laut dem Kernkraftwerksbetreiber TEPCO als gering einzuschätzen sind. Was in diesem Zusammenhang "gering" heißt, ist derzeit nicht zu ermitteln. Jod-131 hat eine Halbwertszeit von 8 Tagen, d.h. die Gefährlichkeit verringert sich durch den eigenständigen Zerfall der radioaktiven Substanzen alle 8 Tage um die Hälfte relativ schnell. Cäsium-134 und Cäsium-137 haben eine Halbwertszeit von 30 Jahren, nach Aufnahme durch den Menschen eine effektive Halbwertszeit von 70 Tagen. Bei der Verbreitung durch die Luft sorgt eine Entfernung vom Ort oder eine Abschirmung durch Kleidung u.a. dafür, dass die Stoffe nicht an oder in den Körper gelangen.
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Derzeit wird durch den Betreiber TEPCO wasserlösliches Harz über Teile der havarierten Blöcke gesprüht, um eine weitere Freisetzung von Radioaktivität und Wiederaufwirbelung von Staubteilchen zu verhindern. Außerdem sollen die Reaktoren vor den Arbeiten zum endgültigen Einschluss ab Mai 2011 vorübergehend mit Folien abgedeckt werden. Die Abdeckung soll bis zum September fertig gestellt sein.
Auch die Vorsorgemaßnahmen gegen die überregionale Verbreitung der möglicherweise radioaktiv kontaminierten Produkten sind längstens eingeleitet und umgesetzt.
Die japanische Regierung hat den Vertrieb von Milch und anderen landwirtschaftlichen Produkten aus der betroffenen Region am 21. März gestoppt und eine Begrenzung des Konsums solcher Produkte am 23. März empfohlen. Am 5. April wurde verfügt, dass für Meeresfische der Region dieselben Grenzwerte wie für landwirtschaftliche Produkte gelten. Die EU hat am 24. März verfügt, dass alle aus Japan in die EU importierte Produkte noch auf japanischem Territorium Zwangskontrollen auf radioaktive Strahlung unterworfen werden. Damit ist der Import von verseuchten Produkten praktisch ausgeschlossen.
Die schlechte Informationslage über die Ereignisse in Fukushima I kann man zum Teil damit erklären, dass Japan derzeit mehr zu verkraften und zu koordinieren hat als nur den Nuklearunfall.
Erdbeben und Tsunami haben die japanische Küste über 600 Kilometer Länge und eine Breite von bis zu 1,5 km, also eine Fläche von ca. 900 Quadratkilometern getroffen. Davon sind über 470 Quadratkilometer komplett verwüstet - ein Gebiet so groß wie das Land Bremen. Wegen der Naturkatastrophen sind bisher mehr als 13.000 Todesopfer zu beklagen und über 14.000 Menschen werden noch vermisst. Fast 500.000 Menschen musste fliehen oder wurden evakuiert. Ganze Städte mit bis zu 80.000 Einwohnern sind vom Erdboden verschwunden, die meisten Ortschaften entlang der Tsunamizone unbewohnbar.
Demgegenüber sind durch den Nuklearunfall nach Angaben der japanischen Regierung bisher 25 Menschen verletzt worden. 20 weitere Personen wurden gesundheitsgefährdenden Strahlendosen ausgesetzt. 62.000 Menschen wurden bisher evakuiert - also ungefähr ein Zehntel so viele, wie durch Erdbeben und Tsunami selbst betroffen sind. Im Evakuierungsradius von 30 km (das entspricht einer Landfläche von ca. 1.400 Quadratkilometern) werden insgesamt 140.000 Menschen vom nuklearen Unfall betroffen sein. Selbst im schlimmsten Fall ist damit für Japan die atomare Katastrophe nur ein Bruchteil des gesamten Unglücks.
Mir ist es wichtig, diese Relationen klarzustellen. Fukushima sollte uns in Deutschland dazu anregen, noch verantwortungsvoller über unsere Energieversorgung nachzudenken. Aber keinesfalls sollte die Katastrophe dazu genutzt werden, hierzulande mit Angst Politik zu machen.
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