Briefe an die Bürger - Judith Skudelny (FDP)

Rundschreiben zu den Ereignissen in Japan und die Übertragbarkeit auf deutsche Kernkraftwerke

Sehr geehrte Damen und Herren,

der Schock über die Umweltkatastrophe, die sich mit dem Erdbeben und dem anschließenden Tsunami abspielt, sitzt tief. Erschütternd ist auch, dass in einem hochentwickelten Land wie Japan, welches in vielen Punkten vergleichbar ist mit Deutschland, die atomare Notsituation eingetreten ist.

Da sich der Verlauf in den japanischen Kernkraftwerken stündlich ändert, verzichte ich auf eine Darstellung der Situation vor Ort. Die Auslöser der Katastrophe sind bekannt.


Eine radioaktiver Unfall dieser Größenordnung war für mich kaum denkbar.


Denkbar auch nicht, dass trotz des relativ langsamen Verlaufs der Katastrophe kein Mittel gefunden werden kann, die Kühlung wieder herzustellen. Die Wucht der Explosionen an einem Gebäude hat die Sicherheitshülle eines Reaktors beschädigt. Auch dieses Szenario war - zumindest für mich - neu.

Bislang konnten alle atomaren Unfälle auf menschliches Versagen zurückgeführt werden. Dieser Unfall ist anders. Das regionale Ausmaß der Katastrophe scheint aufgrund der gestoppten Kettenreaktion anders als bei Tschernobyl auf die japanische Küste regional begrenzt. Dort drohen jedoch dafür deutlich höhere Strahlungen.

Aktuell liegen noch keine genauen oder detaillierten Erkenntnisse über die Störfälle in Japan vor. Die folgenden Aussagen betreffen daher grundsätzliche Unterschiede zwischen den Sicherheitssystemen.

Von der Funktionsweise her sind die japanischen mit deutschen Reaktoren vergleichbar; sie unterscheiden sich jedoch insbesondere in sicherheitsrelevanten Bereichen. So haben wir in Deutschland im Regelfall drei bis vier statt nur zwei Notstromsysteme pro Reaktor; manchmal sogar sechs. Zwei dieser Notstromsysteme befinden sich zudem in gesonderten Gebäuden und sind dadurch besonders geschützt. Diese ?Kammerung? soll verhindern, dass wie in Japan durch ein Ereignis alle Notstromsysteme ausfallen. Zudem verfügen unsere Reaktoren über Anschlüsse für eine Luftkühlung, die im Notfall antransportiert und in Funktion genommen werden kann.

Die Stromversorgung ist in unseren Reaktoren auch über sog. Drittnetzeinspeisungen gesichert. Diese gewährleistet im Fall eines Netzausfalls, dass über unterirdische Leitungen Strom in das Kraftwerk gespeist werden kann. Die Kühlsysteme sind in unseren deutschen Kraftwerken in den sog. Sicherheitsbehälter integriert und nicht außerhalb angesiedelt.

Letztlich sind gerade unsere baden-württembergischen Kraftwerke auf eine Erdbebenstufe zwischen 7 und 8 ausgelegt. Und das, obwohl bei uns das Risiko einer solchen Erschütterung erheblich kleiner und damit auch die Sicherheitsreserve größer ist.


Das von der Bundesregierung ausgerufene Moratorium muss in Bezug auf die Sicherheit dazu genutzt werden, die Grundannahmen der Anlagensicherheit nochmals zu überprüfen. Reichen unsere geologischen Annahmen vor dem Hintergrund der Erfahrungen aus Japan aus? Wurden die Folgen des Klimawandels (heißere Sommer, stärkere Wetterereignisse) ausreichend berücksichtigt? Sind externe Einflüsse und Wechselwirkungen in allen Kombinationen enthalten? All diese Fragen werden nun nochmals intensiv geprüft, bei allen Anlagen.

Wichtig ist nur auch, dass die Kernkraft kein ausschließlich deutsches Thema ist. Das umstrittenstes europäische Kernkraftwerk Temelin liegt nur 93 km entfernt von Passau in Tschechien. Ein Kernkraftwerk, bei welchem die Erdbebentoleranzen seit Jahren in Frage gestellt werden, ist das Kernkraftwerk im französischen Fessenheim in der Nähe von Freiburg.

Wir müssen das Moratorium dazu nutzen, umfassend über alle Nutzen und Risiken der Stromversorgung in Deutschland zu sprechen. Die Kernenergie hat zum Wohlstand in Deutschland und zum Erreichen der Klimaziele beigetragen. Sie war dennoch schon immer als Übergangstechnologie geplant. Die Folgen einer schnellen Umsteuerung in der Energiepolitik müssen nun intensiv diskutiert werden. Im Ergebnis müssen wir ein Energiekonzept finden, dass wieder von der Mehrheit der Bevölkerung in Deutschland getragen werden kann. 


Mit freundlichen Grüßen

Judith Skudelny MdB

Rundschreiben als  pdf

 


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